SOKO, Mumme, Tittentaster und frische Meeresluft

Corona verbietet leider zurzeit viele Reisen. Aber aufgeschoben heißt nicht aufgehoben: Man kann sich trotzdem jetzt schon Inspirationen für den nächsten Urlaub holen. Unser Tipp: wunderschönes Wismar.

Diese Stadt gehört zusammen mit Stralsund zum UNESCO-Weltkulturerbe. Vielleicht kennen Sie sie auch schon aus der bekannten Vorabendkrimireihe mit mittlerweile 372 Episoden, der „SOKO Wismar“? Dazu werden in Wismar sogar spezielle Stadtführungen angeboten.

Aber auch ohne Krimi-Lust kann man dort Wunderbares sehen und viel Erstaunliches erfahren. Die Corona-Wellen kommen und gehen, die Stadt Wismar aber bleibt. Seit 1229 ist das schon so. Die Pest hat sie auch überstanden. Und sich dort einmal durchpusten zu lassen, das ist sogar gesundheitsfördernd.

Foto: https://de.wikivoyage.org/wiki/Wismar#/media/Datei:19-07-27-Wismar-Innenstadt-DJI_0058-Panorama-2.jpg

Zunächst freilich, und das ist insbesondere für die Zeitschrift MOST von Belang, ist zu berichten, dass Wismar slawischen Ursprungs ist. Bis zum Ende des 10. Jahrhunderts lebten dort die slawischen Obotriten (auch Abodriten), ein westslawischer Stamm. Einer ihrer Stammeshäuptlinge trug den schönen Namen Bodr. Das könnte auf Russisch „wachsam“, „frisch“ und „zuversichtlich“ heißen. Ganz bestimmt hatte der Häuptling diese Eigenschaften. Wie sonst hätte er Häuptling werden können? Eine wichtige Straße in Wismar heißt übrigens bis heute „Lübsche Straße“, benannt nach der Stadt Lübeck. Deren Name wiederum hat mit dem slawischen Verb „ljubit‘“ zu tun. Und diese Straße ist wirklich zum Verlieben – so wie die ganze Stadt!

Hätte mein Großvater in seiner Kindheit eine Reise nach Wismar auf sich genommen, wäre er noch in Schweden angekommen. Mit dem „Westfälischen Frieden“ war Wismar 1648 als „Reichslehen“ an die schwedische Krone gefallen. 1803 kam die Stadt dann zwar durch einen Pfandvertrag unter mecklenburgische Herrschaft, doch erst 1903 verzichtete Schweden auf die Einlösung dieses Pfandes. Da war mein Großvater acht Jahre alt. Für die DDR-Bürger, die in nichtsozialistische Länder wie einst Schweden kaum reisen durften, war es ein beliebter Witz, nach einem Urlaub in Wismar zu sagen, dass man in Südschweden gewesen war.

Foto: https://de.wikipedia.org/wiki/Schwedenk%C3%B6pfe#/media/Datei:Wismar_Schwedenkopf_Baumhaus_2010-01-26_047c.jpg

Allein schon der Bierdurst ist Grund genug, überkommene Grenzen zu überschreiten. Wie ich gehört habe, auch russischsprachige Mitbürger haben längst ihre Sympathie für das Hopfengetränk entdeckt, ohne natürlich ihr Lieblingsgetränk zu vernachlässigen. Fast der gesamte Wohlstand dieses Ortes gründet sich historisch auf Bier. In der Hanse-Zeit soll Wismar sogar 180 Brauereien gezählt haben. Heute gibt es nur noch eine einzige. Sie braut die Wismarer „Mumme“, einen besonderen Exportschlager. Das untergärige Schwarzbier schmeckt noch immer. Nur schnell muss man sein: entweder direkt im entsprechenden Brauhaus austrinken oder bei ständiger Kühlschranklagerung gern auch anderswo, aber unbedingt innerhalb eines Monats.

Zum Essen sollte man sich lieber zum „Alten Schweden“ am Marktplatz begeben, in dem man gemeinsam mit der schwedischen Königsfamilie speisen, auch wenn diese nur von Fotos aus zusehen darf:

… oder zum „Oberdeck“ in der „Seeperle“:

Foto: Petra Gerber

Alternativ können Sie je nach Geldbeutel auch zur „Kutscherkaten“ in der Nähe des Alten Hafens gehen. In den beiden Restaurants ist der gebratene Fisch unübertroffen. Am Alten Hafen gibt es auch noch die phänomenalen Fischbrötchen. Sie wissen schon, das ist in der „SOKO Wismar“ oft die einzige Möglichkeit, den ohnehin etwas stoffligen Kriminalhauptkommissar Reuter in seinen Frustphasen zu besänftigen – wenigstens bis er „seines“ Verbrechers noch nicht habhaft geworden ist.

Foto: Petra Gerber

Am besten beginnt man jedoch seinen Spaziergang in Wismar am quadratischen und einen Hektar großen Marktplatz, vor dem – bis auf das klassizistische Rathaus – großartigen Hintergrund mittelalterlicher Gebäude. Das malerische Pumpenhaus im niederländischen Renaissance-Stil fällt sofort ins Auge.

Foto: Mikhail Vachtchenko

Darüber hinaus gibt es weitere 28 architektonische Prachtbauten im Rund dieses Platzes. Es lohnt sich also, dort ein wenig zu verweilen.

Was Sie vielleicht noch nicht wissen, in der Krämerstraße befindet sich das Stammhaus von Karstadt – und das inzwischen kleinste Kaufhaus dieses Namens hat sogar noch geöffnet. Karstadt wurde 1881 in Wismar gegründet und war einmal ein Weltkonzern. Sein Gründer Rudolph Karstadt soll es damals noch zu fairen Preisen verkauft haben. Allerdings forderte er das Geld dann auch bar ein, und nicht, wie es anderswo üblich war, als Kredit.

Foto: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Rudolph_Karstadt.jpeg

Ob allerdings auch der sagenhafte Pirat Klaus Störtebecker in dieser Stadt beheimatet war oder zur Welt kam, ist umstritten. Irgendein Hauseigentümer hat für alle Fälle schon einmal – aus Spaß – ein entsprechendes Schild an sein Gebäude gepinnt. Im Rathaus war man aber vorsichtiger und schrieb dann auf die entsprechende Gedenktafel doch noch das Wort „wahrscheinlich“. Aber gerauft haben soll sich der Störtebecker unbedingt in Wismar. Nicht nur dort, selbstverständlich. Dazu gibt es Quellen. Und selbst wenn es die nicht gäbe, was wäre wohl aus Störtebecker ohne Wismar geworden?

Natürlich sollten Sie zuerst, gleich nach der Ankunft, und vielleicht auch zuletzt, zum Abschied, Wismars Silhouette genießen.

Foto: https://de.wikipedia.org/wiki/Wismar#/media/Datei:Matth%C3%A4us_Merian_sen._-_Wismar,_Ansicht_von_Nordwesten.jpg

Sie besteht vor allem aus drei mächtigen und hohen Kirchtürmen im Stile norddeutscher Backsteingotik, die weithin grüßen. Der 81 Meter hohe Turm der Marienkirche besaß und besitzt dank seiner Höhe gar eine Leuchtturmfunktion; im April 1945 hatten britische Bomben diese Kirche getroffen, und der Rest wurde zu DDR-Zeiten weggesprengt, nur der Turm blieb übrig. Der Turm von Sankt Nicolai, der zweithöchsten Backsteinbasilika der Welt, mit der in der Stadt reichsten Kirchenausstattung und mit einer Orgel, die – Achtung! – aus Sachsen stammt. Und schließlich gibt es auch das Gotteshaus St. Georgen, die größte und jüngste Kirche unter den Dreien. Vor allem vom Hafen aus lohnt sich ein Blick auf die Silhouette dieser drei Kirchen – ob im Abendsonnenschein oder in der Nacht, in der sie sparsam, jedoch beeindruckend illuminiert sind.

Foto: Petra Gerber

Von der Nicolai-Kirche aus gelangen Sie, am Ufer der Frischen Grube entlang, zu einem schiefen rötlichen Fachwerkhaus aus dem 17. Jahrhundert: Dort wurden einst die mit Schiffen angelandeten Weine überprüft, bevor man diese für würdig befand, im Ratskeller auszuschenken. Aber wem soll man es verdenken, späterhin wurde auch da nur noch Bier getrunken! Aus der nicht gar so frischen Grube, über die das Häuschen gebaut ist, hat man allerdings noch nie jemanden trinken sehen: Schon im Mittelalter fanden in ihr so manches Abwasser und so mancher Nachttopf-Inhalt den „Untergang“.

Foto: Heidrun Zinecker

Der Hafen, insbesondere der Alte, ist natürlich ein Muss in Wismar – nicht nur wegen der bereits erwähnten Fischbrötchen. Da kann man herrlich flanieren, auch Gewerbegebäude, darunter frühere Speicher, schauen, eine alte Kogge besichtigen und, vielleicht etwas ungläubig, hinter all den Yachten auch ein früheres Luxusschiff, heute eine Unterkunft, erblicken, ja man kann hier selbst noch im kälteren Herbstwind italienisches Eis schlecken.

Foto: Heidrun Zinecker

Der Hafen liegt an der Wismarer Bucht. Will man dagegen zur offenen Ostsee, muss man noch ein Stück fahren. Auf halben Wege verirrt man sich da vielleicht auf die Insel Poel, ein Ostseebad mit vielen Naturstränden, oder, als Geheimtipp, an den Strand von Hohen Wieschendorf.

Angesichts der dortigen wild-romantischen Natur scheint Wismar dann ganz weit. Foto: Petra Gerber

Doch haben Sie ja Ihre Aufgaben in Wismar noch nicht erfüllt: Sind Ihnen schon die köstlichen Straßennamen in Wismars Altstadt aufgefallen? Unter einer „Sargmacherstraße“ oder einer „Bademutterstraße“ (das war die Straße der Hebammen) und auch unter einem „Glatten Aal“ kann sich der geneigte Leser sicher noch etwas vorstellen – sie zu erkunden lohnt sich allemal – aber unter einer „Tittentasterstraße“? Ja, Ihre Assoziation, lieber Leser, hat Sie da durchaus auf eine der richtigen Fährten geführt. Es gibt zwei entsprechende Interpretationsmöglichkeiten, die ich beide herrlich finde. Die Straße war früher so eng, so dass sich zwei Frauen, die sich nur seitlich aneinander vorbei bewegen konnten, mit der Brust berührten. Die zweite Version lautet: Die Hebammen testeten hier mit der Hand die zur Auswahl stehenden Ammen, ob die Brust auch gut mit Milch gefüllt war. Praktisch, nicht wahr?! Das Straßenschild gibt es leider nur noch aufgemalt, die ursprünglichen Emaille-Schilder… Hauptkommissar Reuter, wo sind sie?

Foto: Petra Gerber

Habe ich noch etwas Wichtiges vergessen? Verzichten Sie bei Ihrem Wismar-Besuch bitte auf Stöckelschuhe, sonst finden Sie das Kopfsteinpflaster nicht so schön wie ich. Selbiges Kopfsteinpflaster bedingt auch, dass es hier, zumindest auf einigen Straßen, auch Erwachsenen erlaubt ist, mit dem Fahrrad die Fußwege zu befahren. Wenn Sie allerdings (wie ich) in der SOKO-Serie für die Pathologin Dr. Helene Sturbeck besondere Sympathie hegen, dann müssen Sie in Wismar eine herbe Enttäuschung verkraften: Denn Sie werden von ihr dort leider kaum (Dreh-)Spuren finden. Das Gebäude der Pathologie befindet sich nämlich in Berlin. Nur dann, wenn Helene zum Fundort der Leiche, etwa an den Alten Hafen, gerufen wird, taucht sie zum Dreh in Wismar auf. Wenn ich wüsste, wann das wieder sein wird, würde ich glatt noch einmal hinfahren! Werden sich denn der füllig-stieselige Kriminalhauptkommissar Reuter und die hager-norddeutsch-gefühlige Pathologin Sturbeck bald „kriegen“? Natürlich nicht! Das darf auch gar nicht sein, denn es soll ja noch viele SOKO-Folgen geben!

Logo: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Soko_Wismar.jpg

Also – auf geht’s! Das sagt nicht nur in fast jeder Serienfolge der Kriminalkommissar Reuter, immer dann, wenn er seine Beamten mit der für ihn typischen lässigen Handbewegung an die Arbeit schickt, das sage auch ich: Auf nach Wismar, dort kann man sich bilden und dabei viel Spaß haben.

Heidrun Zinecker