Späti statt Kneipe – Warum es so viele vor die Spätis zieht

Späti

Urbanes Lebensgefühl für die einen, Belastung für die anderen: Statt in Kneipen und Restaurants sitzen immer mehr junge Menschen draußen und trinken vor Spätverkäufen und kleineren Imbissen. Die Gründe dafür sind divers – und Anwohner fragen auch immer wieder: Ist das erlaubt?

„Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist unschlagbar“, sagt eine junge Frau. Sie hat es sich am Leipziger Südplatz mit Freunden auf der Fensterbank einer Apotheke gemütlich gemacht. Es ist noch früh an diesem Sommerabend. Gleich nebenan herrscht Hochbetrieb. Menschen sitzen auf Bordsteinen, Bänken und mitgebrachten Campingstühlen.

Es sind Hunderte, die meisten unter 30 Jahren alt. Was die Betreiber der Spätverkäufe freut, nervt die Anwohner: Denn die Menschen werden hier bis spät in die Nacht sitzen, am nächsten Morgen bleiben nicht selten Scherben, Müll und Essensreste zurück.

Viele wollen sich halt einfach ein Sterni für 1,20 Euro kaufen und nicht für fünf Euro ein Radeberger.

Späti-Kundin Hanna Reuters

Mehr als nur ein Ort für den schnellen Einkauf

Auf der Leipziger Karl-Liebknecht-Straße zeigt sich ein Trend, der in vielen Großstädten zu beobachten ist. Ein Teil des Nachtlebens verlagert sich aus Kneipen und Restaurants hinaus auf Straßen, Plätze und vor Spätis.

Für viele spielt das Geld eine Rolle. „Viele wollen sich halt einfach ein Sterni für 1,20 Euro kaufen und nicht für fünf Euro ein Radeberger“, sagt eine junge Frau, die sich zu den Stammgästen eines Südplatz-Spätis zählt. An manchen Sommertagen gehe sie erst früh um sechs Uhr nach Hause, erzählt sie.

Mindestens genauso wichtig scheint jedoch die Unkompliziertheit zu sein. „Es geht schnell, ist unkompliziert, das Bier ist geöffnet, in der Hand, es gibt einem so ein Gefühl von Leichtigkeit“, sagt ein junger Mann mit Sonnenbrille und leicht schwäbischem Dialekt. „Immer viele Leute, die man trifft, liebe Menschen“, ergänzt ein anderer Besucher.

Für viele ist der Späti längst mehr als ein Geschäft für den späten Einkauf. Er ist Treffpunkt, sozialer Ort und für manche auch eine Alternative zur Kneipe.

Höhere Preise verändern das Ausgehverhalten

Dass Spätis beliebter werden, überrascht Anne Rauschenberg nicht. Sie leitet die Koordinierungsstelle Nachtleben der Stadt Leipzig. „Das gesamte Leben ist teurer geworden, vor allem auch für junge Menschen“, sagt sie. Mit den Preissteigerungen der vergangenen Jahre müssten viele genauer rechnen. Die Entwicklung bekomme auch die Gastronomie zu spüren. Und von einigen Betrieben entlang der Karli höre sie, dass die Umsätze zurückgingen.

Kneipen und Spätis: Gegen- oder miteinander?

Dabei sehen nicht alle Wirte die Spätis als Konkurrenz. In der Hafenbar am Südplatz blickt man vergleichsweise gelassen auf die Entwicklung in der Nachbarschaft. „An einem Tag sitzt man vielleicht lieber auf der Straße und trinkt da sein Bierchen und am anderen Tag kommt man halt gerne hierher und isst vielleicht noch was“, sagt Betreiberin Diana Schmelzer.

Oft profitierten beide Seiten sogar voneinander. Gäste fragten nach Zigaretten oder Wechselgeld und würden dann zum Späti geschickt. Andere begännen den Abend draußen und kämen später noch auf ein Getränk oder etwas zu essen in die Bar.

Ähnlich sieht das auch Zeisy Williams vom Restaurant La Cosita, das seit mehr als 20 Jahren auf der Karli ansässig ist. Die vielen Menschen auf der Straße seien vor allem ein Zeichen dafür, dass das Viertel lebe.

Konflikte mit Anwohnern

Doch was die einen als urbanes Lebensgefühl feiern, erleben andere als Belastung. Anwohner berichten von Lärm bis spät in die Nacht. Sie könne bei geöffnetem Fenster kaum schlafen, weil die Menschen direkt vor ihrem Haus säßen, erzählt eine Frau aus der Nachbarschaft.

Der nahegelegene Spielplatz dient mittlerweile vielen als Freiluft-Toilette, morgens liegen Scherben und Müll herum. Selbst ein Anwohner, der selbst gern auf der Karli unterwegs ist, sieht die Entwicklung zwiespältig. „Wenn man arbeiten muss am Samstag, nervt es manchmal ein bisschen.“

Anwohner Franz Kindler kritisiert, dass Hauseingänge teilweise zum Urinal würden. Besonders problematisch sei das an Orten, die tagsüber von Familien und Kindern genutzt werden.

Andere Nachbarn wiederum genießen die Atmosphäre. Tilo und Birgit Kalisch sprechen von einer angenehmen Stimmung. Die jungen Menschen seien freundlich und gehörten für sie ganz selbstverständlich zum Charakter des Viertels.

Einige Späti-Betreiber versuchen gegenzusteuern

Ahmad Hadba vom „Limon Späti“ kennt die Beschwerden. Deshalb habe sein Geschäft gleich drei Kundentoiletten. Außerdem sei er abends regelmäßig selbst draußen unterwegs und spreche Gäste an, wenn es zu laut werde. „Ich rede mit den Leuten, dass sie bitte ruhig sein sollen“, sagt Hadba. Man müsse Respekt vor den Bewohnern und den geltenden Regeln haben. Nach eigenen Angaben habe es deshalb bislang keine größeren Probleme mit dem Ordnungsamt gegeben.

„Hier ist es schon heavy“, sagt ein Anwohner. Jedoch, man könne eigentlich nichts dagegen machen.

Doch bei den Ordnungsämtern der Städte häufen sich die Beschwerden über Müll, herumstehende Flaschen und öffentliche Toiletten, die keine sind. Die Stadt Leipzig teilt auf Anfrage mit, dass die stärkere Nutzung öffentlicher Räume durchaus zu mehr Interessenkonflikten führe. Bei Bedarf würden zusätzliche Kräfte eingesetzt.

Für Nachtleben-Koordinatorin Anne Rauschenberg verweist der Trend zu den Spätis auf ein grundsätzliches Problem. Viele junge Menschen suchten Orte, an denen sie sich treffen könnten, ohne viel Geld ausgeben zu müssen. „Es gibt zu wenige Orte, wo man sich ohne Konsumzwang einfach mit seinen Freunden aufhalten kann“, sagt sie. Die Stadt müsse stärker darüber nachdenken, welche öffentlichen Treffpunkte sie jungen Erwachsenen anbiete. Denn die Beliebtheit der Spätis sei letztlich auch Ausdruck eines Bedürfnisses nach günstigen, frei zugänglichen Aufenthaltsorten.


Quelle: mdr.de

Symbolbild: Magnific KI