140 Künstlerinnen und Künstler, Designer und Kunsthandwerker aus sieben europäischen Ländern sowie Südamerika und Ostasien präsentieren bei der GRASSIMESSE 2026 in Leipzig ihre Arbeiten. Sie umfassen die Bereiche Schmuck, Keramik, Möbel, Holz, Glas, Metall und Textil. Neben renommierten Gestaltern stehen junge Kunsthandwerker und Hochschulabsolventinnen im Mittelpunkt. Ein Design-Contest zeigt zudem neue Konzepte und überraschende Prototypen junger Talente. Wie vielfältig zeitgenössische Gestaltung ist und welche Rolle Nachhaltigkeit und wiederverwendete Materialien dabei spielen, lässt sich noch bis Sonntag entdecken. Samstag und Sonntag gibt es jeweils ums 13 Uhr ein Schaugießen im Innenhof des GRASSI Museums. Der Messeeintritt kostet 8 Euro, ermäßigt 5,50 Euro.
Zwischen Scherben und Schönheit 
Eine der Ausstellenden ist Laura Laerke Nielsen, 1993 in Kopenhagen geboren. Die junge Glasgestalterin gewann gestern Abend den mit 1000 Euro dotierten „Appolline-Preis“. Laura gibt ausgedientem Glas ein neues Leben. In ihrer fortlaufenden Arbeit „tactile table“ (übersetzt in etwa: Tisch zum Erfühlen) verbindet sie mundgeblasene Glasformen mit Resten und Bruchstücken von Altglas. Was sonst im Abfall landen würde, integriert sie bewusst sichtbar in die Gestaltung. Sie versteckt oder glättet Scherben nicht, sondern lässt sie die Form und Oberfläche ihrer Objekte verändern. So treffen bei Laura traditionelle Glastechniken auf einen zeitgenössischen Gestaltungsansatz, bei dem nicht makellose Perfektion, sondern gerade auch Unebenheiten und Gegensätze ihren Reiz ausmachen. Da jedes Stück anders ausfällt, muss die Glaskünstlerin beim Arbeiten immer wieder neu auf das Material reagieren. Ihr ist wichtig, dass ihre Arbeiten nicht nur optisch wirken: „Es geht eben auch um das Gefühl beim Anfassen“, erklärt Laura, „in den Arbeiten steckt Geschichte drin. Alten, weggeworfenen Scherben wird hier ein neues Leben gegeben.“ Ihre Glaskunstwerke erzählen eben auch von ihrem früheren Leben – und davon, wie durch handwerkliches Können, Sorgfalt und Transformation ein neuer Wert entstehen kann.
Teppiche, die man fühlen kann
Das Thema Recycling zieht sich durch die gesamte Messe: Für die aus Bari, in Süditalien, stammende Textildesignerin Viviana Losacco ist ein Teppich weder ausschließlich Kunsthandwerk noch bloßer Gebrauchsgegenstand. Er bewegt sich zwischen beidem. In ihrem Studio „Volos Studio“ in Lindenau entstehen textile Arbeiten, deren besondere Strukturen zum Sehen, aber wiederum auch zum Berühren einladen. Viviana arbeitet bei ihren Teppichen mit unterschiedlichen Höhen, weichen und rauen Oberflächen. „Ich möchte erreichen, dass die Leute Lust bekommen, meine Teppiche anzufassen.“, beschreibt die junge Künstlerin. Sie verwendet unter anderem industrielle Wollüberschüsse und recycelte Materialien. Aus dem, was andernorts übrig bleibt, entstehen so neue textile Landschaften, in denen sich künstlerischer Ausdruck, Funktion und ein bewusster Umgang mit Ressourcen verbindet.
Vom Rasenmäher zum Cuttermesser 
Dass Kunststoff nicht zwangsläufig ein Wegwerfmarerial sein muss, zeigt der Produktdesigner Janos Freuschle mit seiner „Facto Messermanufaktur“. Er betreibt die Manufaktur gemeinsam mit seinem Vater, einem Messerschmied. Während sein Vater die traditionelle Schmiedekunst in ihre Projekte einbringt, entwickelt Freuschle die Gestaltung und neue technische Lösungen. Seit Jahren beschäftigen sich die beiden mit innovativen Klappmechanismen für Taschenmesser. Als neues Projekt stellen die beiden Cuttermesser aus recyceltem Kunststoff her. Für die Griffe verwendet Janos ausgediente Kunststoffgegenstände :“ Aus alten Rasenmähern werden bei mir Cuttermesser“, erzählte er schmunzelnd während des Presserundgangs am Donnerstag. So wird auch hier aus vermeintlichem Abfall ein langlebiges Material für hochwertige Gebrauchsgegenstände. Freuschle möchte dem problematischen Umgang mit Kunststoff entgegenwirken: „Ein bisschen versuche ich den ‚Schandtaten der Gesellschaft‘ in Bezug auf Kunststoff entgegenzuwirken, das Material selbst ist langlebig.“ Er verwende ausschließlich Polypropylen, das er zerkleinert, erhitzt und sodann in eine neue Form presst. Hierbei entsteht eine individuelle Marmorstruktur, die jedem (Cutter-)Messergriff seine eigene Optik verleiht.
Nachhaltigkeit vor Ort: Ein Puppenprojekt der Brücke der Kulturen
Dass ausgediente Materialien eine neue Geschichte erzählen können, zeigt sich auch bei uns, im Integrationsverein „Brücke der Kulturen“. Im Rahmen unseres Puppentheaters „Buratino“ läuft derzeit ein Projekt, bei dem Kinder ihre eigenen Wattepuppen gestalten und das Ganze hinterher filmisch in Szene gesetzt wird. Auch Kostüme aus vergangenen Vorstellungen, die in einer Kiste schon fast in Vergessenheit geraten waren, wird hier ein neues Leben gegeben. Wie das Projekt Tradition, technischen Fortschritt und nachhaltigen Umgang mit Materialien verbindet, wird ein weiterer Artikel zu einem späteren Zeitpunkt zeigen.
Fotos: Autorin

