Bevor die Sonne aufgeht

Bevor die Sonne aufgeht – eine Ausstellung, die sagt, was sonst vielleicht nur unter vier Augen besprochen werden würde

Am 9. September lud die Dresdner59, das Nachbarschaftszentrum für Begegnung, Kultur und Beteiligung an der Köhlerstraße in Leipzig zur Ausstellungseröffnung „Bevor die Sonne aufgeht – Augenzeug*innenberichte queerer Menschen vom Krieg in der Ukraine“. Die Ausstellung ist bis zum 10. Oktober zu sehen.

Der Krieg begann, bevor die Sonne aufging

Um 17 Uhr saßen und standen über 50 Besucher im Hauptausstellungsraum, manche hatten es sich im Schneidersitz auf dem Boden bequem gemacht. Es gab ein kleines Snack-Buffet, ein Klavier und sieben, der insgesamt 12 Portraits queerer ukrainischer Kriegsbetroffener waren an der Wänden zu sehen. Portraitiert wurden sie von der Künstlerin Stasya Samar aus Odessa. Unter den Portraits steht kurz, aber bewegend die Geschichte dieser Menschen auf Ukrainisch und auf Englisch. Fast jeder von ihnen berichtet zunächst, dass es mitten in der Nacht, etwa 3 Uhr, war, als die ersten Detonationen zu hören waren. Der Krieg begann, bevor die Sonne aufging. Die Texte erzählen von den Ängsten, aber auch Hoffnungen dieser vom Krieg überraschten Menschen im Allgemeinen sowie von ihrer Identität als Teil der queeren Community.

Lieder über die Stärke, aber auch den Zweifel an der Liebe in Kriegszeiten

Einleitend sprach der evangelische Pfarrer und Leiter der Dresdner59, Stephan Vorwergk. Die Ausstellung solle jedem die Möglichkeit geben, dem näher zu kommen, was anderen Menschen wehtue: „Diese Ausstellung kann sagen, was andernfalls vielleicht nur unter vier Augen gesagt werden würde.“ Jeder Besucher könne sich dem Thema in seinem ganz individuellen Tempo nähern.
Musikalisch wurde der Abend vom „einzigen schwulen Männerchor Ostdeutschlands (außerhalb Berlins!!)“, den Tollkirschen, begleitet. Unterstützung erhielten sie von einigen Sängerinnen eines Leipziger A-capella-Chors. Christian, ein junger Sänger der „Tollkirschen“, sang zunächst solo, nur vom Klavier begleitet, ein warmes, schönes, aber auch trauriges Lied. Wenn alle Träume rundherum zerplatzen, was kann die Liebe dann noch erreichen?

Ein mannigfaltiges Publikum

Zur Ausstellungseröffnung kam ein sehr heterogenes Publikum. Frauen und Männer aller Altersgruppen ab etwa 20 füllten den Raum vor dem Programm und in den Pausen mit Unterhaltungen auf Englisch, Deutsch und Ukrainisch. Manche kamen aus Interesse, andere hatten, zum Beispiel, direkt mit der Dresdner59 zu tun. Da war unter anderem Ahamad. Er kommt aus Syrien und lebt seit elf Jahren in Deutschland; zehn davon in Leipzig. Er ist 73 („Noch unter 100!“) und arbeitet ehrenamtlich als Sprachlehrer in der Dresdner59. Einmal wöchentlich gibt er vormittags zwei Stunden deutschen Sprachunterricht auf A1/A2-Niveau. Unter seinen Schülern sind auch viele Ukrainer.

Veränderung der ukrainischen queeren Community in Kriegszeiten

Mariia Uchytel von „United Queer: Ukraine—Leipzig“, der ersten queeren Community in Sachsen, führte durch den Abend. Sie betonte, dass vor Beginn des Krieges 2022 die gesellschaftliche Akzeptanz von LSBTIQ+ Menschen in der Ukraine allmählich zugenommen hatte. Während 2016 noch etwa 60% der Ukrainer als homophob eingeordnet werden konnten, war der Anteil 2022 auf etwa 38% zurückgegangen. Zynischerweise hat der Einsatz queerer Ukrainer im Krieg, als Soldat*innen, Sanitäter*innen, Aktivist*innen und ähnlichem die Community sichtbarer gemacht. Queere Soldat*innen an der Front begannen zum Beispiel ein besonderes Abzeichen, auf welches ein goldenes Einhorn gestickt ist zu tragen. Die queere Community wurde durch den Krieg sichtbarer.

Identität und Körper müssen tagtäglich aufs Neue verteidigt werden

2024 erkannten über 70% der Ukrainer den Beitrag queerer Menschen zur Verteidigung des Landes an, genau wie über 70% der Meinung waren, LSBTIQ+ Personen stünden die gleichen Rechte wie allen anderen zu. Dennoch betonte Mariia, dass die noch immer mangelhafte rechtliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften gerade in Kriegszeiten schwerwiegende Folgen für Partner*innen von Verletzten, Vermissten oder Getöteten habe. Sie erhalten wenig Unterstützung. Auch sexuelle Gewalt gegenüber queeren Menschen sei, insbesondere in besetzten Gebieten der Ukraine, immer wieder ein Thema. „Identität und Körper werden in diesem Krieg zu etwas, das täglich beschützt werden muss.“

Eine christliche Sicht auf Binarität

Am Ende der Ausstellungseröffnung wurden die Gäste in die Markuskapelle gebeten. Stephan Vorwergk sprach nochmal ein paar Worte, die von philosophischem Interesse und Weltoffenheit zeugten: Unser Denken, wie auch unsere Sprache böten wenig Platz jenseits des Binären. Und gerade die Einteilung in binäre Kategorien sei jedoch die Bedingung jeden Krieges. Jesus habe stets versucht, die Binarität zwischen Himmel und Erde aufzulösen. Abschließend sang das Ensemble der „Tollkirschen“ zusammen mit den Frauen des A-Capella-Chors unter den Buntglasfenstern in der Markuskapelle. Christians Partner Steve, 39, gehörte auch zu den Besuchern der Ausstellungseröffnung und hörte dem Chor versonnen zu: „Natürlich bin ich hier, um meinen Freund zu unterstützen, aber auch aus Interesse. Ich war noch nie in der DRESDNER59. Ich denke, ich schaue jetzt öfter mal herein. Die bieten echt viele tolle Projekte an.“ Besonders gut habe ihm gefallen, dass während des Abends auch immer wieder an die vergangenen Wahlen in Sachsen-Anhalt erinnert wurde und darauf hingewiesen wurde, was ihr Ausgang für geflüchtete Menschen, auch hier in Leipzig, zukünftig bedeuten könnte.

Die Ausstellung wurde durch die Heinrich-Böll-Stiftung in Kooperation mit Gay Alliance Ukraine ermöglicht.  In Leipzig wird sie vom Demokratie-Projekt „Revolutionale 2026“ der Stiftung „Friedliche Revolution“, der Dresdner59, der Community @queer.ukraine.leipzig und @die_tollkirschen_leipzig präsentiert. Sie ist noch bis zum 10. Oktober immer dienstags bis freitags von 15-18 Uhr zu sehen.

Related posts