„My Salinger Year“ eröffnete die Berlinale

Die Atmosphäre des literarischen New Yorks der 1990er: „My Salinger Year“ vom kanadischen Regisseur Philippe Falardeau bildete den Auftakt der 70. Berlinale.

Das literarische New York

„My Salinger Year“ ist eine liebevoll erzählte Geschichte aus dem Leben der Schriftstellerin Joanna Rakoff. Die junge Joanna will Schriftstellerin werden. Sie zieht in den 1990ern nach New York und findet einen Job als Assistentin der rigorosen Literaturagentin von J. D. Salinger („Der Fänger im Roggen“) Margaret. Das ist eine gute Chance für sie, in die kreative Welt der Schriftsteller einzudringen und selbst Dichterin zu werden, doch Joanna kommt immer seltener zum Schreiben. Neues Leben, neue Liebe, Selbstfindung und Erwachsenwerden – alles vermischt sich. Eine nette Inszenierung, die sich gut ansehen lässt und einen angenehmen Nachgeschmack hinterlässt, jedoch nicht lange in Erinnerung bleibt.

Die 25-jährige Margaret Qualley meisterte ihre Rolle souverän. Laut ihrer eigenen Aussage war ihr Charakter ihr nah: Genauso wie Joanna kam sie einst aus einer kleinen Stadt nach New York. „Es war sehr inspirierend“, sagte die Amerikanerin auf der Pressekonferenz. Auch vom Buch ihrer Protagonistin sei Qualley begeistert.

Die Literaturagentin Margaret weckt zunächst einen kühlen Eindruck. Ihre Figur sieht am Anfang übertrieben und sogar lächerlich aus, später jedoch öffnet sie sich für die junge Assistentin. „Margaret lebt in einem literarischen Elfenbeinturm. Alles andere interessiert sie nicht“, beschrieb ihre Protagonistin Sigourney Weaver. Und rechtfertigte sie: „Margaret ist damit beschäftigt, ihr Erbe zu beschützen (…), den altmodischen Teil der Literatur“.

Literatur mit Wirkung

Trotz des Titels dreht sich der Film nicht um Salinger, sondern um die Wirkung seiner Literatur für eine junge Schriftstellerin, so Falardeau. „Er schwebt über ihr wie ein Phantom“, sagte der Regisseur. Salinger selbst wird nur schematisch dargestellt.

Salinger lebte einsam in einem Landhaus, komplett abgeschottet von der restlichen Welt. In den letzten 30 Jahren beantwortete er keine Fanpost mehr. Diese Aufgabe übernahm die junge Joanna. Ihre Hauptaufgabe bestand darin, die Briefe an Salinger „sicherheitshalber“ zu lesen und danach zu zerschreddern. Das fiel ihr nicht leicht. Sie lernte verschiedene Lebensgeschichten kennen: Der Veteran des Vietnamkriegs, die Mutter, die ihre Tochter verlor, die Schülerin, die nur Salingers Bücher mochte. Diese berührten Joanna zutiefst.

Joanna Rakoff sieht auch heute solch einen Umgang mit den Fans kritisch. „Als ich jung war, hatte ich so wenig Geld, dass ich manchmal kein Essen hatte. Aber die Fanpost war mir wichtig“, gab die Schriftstellerin zu.

Der Film zeigt, wie die Kunst der Literatur das Leben verändern kann. Salingers Literatur bewegte das Leben seiner Fans. „Ich finde, das darf man nicht ignorieren. Ich denke, man sollte manche Briefe weiterleiten“, fügte Rakoff hinzu.

Applaus für Frauen

Die Assistentin und ihre Vorgesetzte – es ist auch eine Geschichte von zwei Frauen, zwischen denen mit der Zeit eine freundschaftliche Beziehung entsteht. Womöglich sieht Margaret in Joanna ihr jugendliches Selbst.

Die Berlinale setzt sich für Toleranz und Frauenrechte ein. Joanna Rakoff fand es dementsprechend gut, dass der Regisseur viele Frauen für die Produktion engagierte. „Man soll mehr Frauen anstellen, ihnen eine Chance geben. Das wäre großartig“, sagte die Schriftstellerin. Dieses Statement erhielt zurecht einen Applaus.

Maria Knyazeva

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